Wahlabend Bosnien & Herzegowina, Oktober 2026.
Was bedeutet es für ein Land, wenn es keine gemeinsame Geschichtsschreibung gibt und die gelebten Narrative gegeneinander funktionieren? Die Wahlen in Bosnien & Herzegowina schreiben nicht nur den Trend der letzten Jahre fort, sondern manifestieren laut Politikwissenschafter Vedran Džihić die ethno-nationalen Kräfte sowohl in der Republika Srpska als auch in der Föderation. Beides zusammen bildet den Staat Bosnien & Herzegowina.
Am Sonntag, 4.10.2026 wählte Bosnien & Herzegowina. 3,4 Millionen wahlberechtig. 41% Wahlbeteiligung. Wichtiges Hintergrundwissen: 1,4 Millionen der Wahlberechtigen leben im Ausland und von denen haben sich lediglich 50.000 für die Wahl registrieren lassen. Das bedeutet, dass dann doch immerhin 70% in Bosnien Lebende ihre Stimme abgegeben haben. Gut für die Demokratie?
71 Parteien standen zur Wahl. Undurchschaubar. Džihić meint, dass Wahlmotive – auch aufgrund der Undurchsichtigkeit des Wahlsystems – in erster Linie die persönliche Verbindung auf lokaler Ebene zu den Parteien sei. Kann man das wirklich so stehen lassen? 70% der in Bosnien lebenden Menschen wählen ethno-nationale Parteien und es hat nur mit dem lokalen Abwassersystem oder dem neuen Vereinshaus zu tun?
Die Zivilgesellschaft Bosniens
Larissa Lojić, selbst Aktivistin und in der Diaspora transgenerational engagiert, und Petar Rosandić, Gründer der NGO SOS Balkanroute, erzählen von einer progressiven Zivilgesellschaft, die weit ab vom parteipolitischen Geschehen, sich vehement einsetzt: für die Flüsse Bosniens als Lebensgrundlage und für Geflüchtete auf der Balkanroute. Sie würden gut zusammenleben.
...und die Europäische Union
Seit einem Viertel Jahrhundert befindet sich Bosnien & Herzegowina in der Verhandlungswarteschleife für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union - gemeinsam mit vielen Staaten am Westbalkan. Der Kandidatenstatus wurde vor vier Jahren (zu Beginn des Ukrainekrieg) dem Land von Seiten EU "geschenkt". Verhandeln will niemand. Zugegeben, die im Daytonvertrag festgelegte politische Struktur des Landes ist extrem kompliziert und verunmöglicht praktisch gesehen die nötigen Verfassungsänderung für Reformen im Bereich Medien, Rechtsstaatlichkeit etc.
Džihić sieht eine Chance in schrittweisen Reformen, um funktionaler zu werden. Er unterstellt der EU, dass der politische Wille fehle. Wenigstens sind die Dinge, die ein Funktionieren der wichtigsten Dienstleistungen im Land garantieren, auf Kantonsebene geregelt. Der Staat dysfunktional – nein. Aber bitte die eigene Decke ins Krankenhaus mitbringen.
Apropos Flüsse: Die Europäische Union (EU) nimmt viel Leid und Menschenrechtsverletzungen in Kauf, um die „Außengrenzen zu schützen“. Seit 2019 sind viele Menschen in den Grenzflüssen Una, Korona, Drina und Kamenica bei dem Versuch in die EU zu kommen gestorben. Daran ist nicht allein das Wasser schuld. Gewaltvolle Pushbacks nehmen den Flüchtlingen all Hab und Gut und lassen diese oft verletzt und immer verzweifelt zurück. Empörung fehlt im Westen - sieben Jahre nach der „Schließung der Balkanroute“. Wer sich dem Wissen nicht verschließen möchte, liest Ernst Schmiederers Aufsatz "Über Leben".
Was bleibt, was kommt?
Back to the Future? Mehr Raum bieten für die Menschen, die sich keiner Volksgruppe zugehörig fühlen können und wollen. Mehr Raum für eine neue Generation. Ein Gefühl dem Land gegenüber, das mindestens so schön ist wie Bulgarien, jenseits der Volksgruppen entwickeln. Der international erfolgreiche Fußball der bosnischen Nationalmannschaft kann ein guter Ankerpunkt dafür sein. An eine gemeinsame Geschichte erinnern und zulassen in eine gemeinsame Zukunft weiterzugehen.
Was können wir in Österreich tun? Lojić plädiert dafür mit unseren Nachbar:innen zu sprechen, nachzufragen, Interesse zu zeigen, Anteil zu nehmen und hier wie dort gemeinsam als Gesellschaft zu leben.
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Die Podiumsdiskussion vor der Live-Berichterstattung über die Wahlen in Bosnien ist hier in voller Länge nachzuschauen.
Es diskutierten:
- Vedran Džihić, Politikwissenschafter oiip
- Petar Rosandić, SOS Balkanroute, Aktivist und Künstler
- Larissa Lojić, Politkwissenschaftlerin IIP
Moderation: Dennis Miskić
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Schmiederer, Ernst: Über Leben auf der Balkanroute. 48 Seiten. Erscheinungsdatum: 22.09.2026. ISBN 978-9-031081-72
* Emir erzählt, dass in den Schulbüchern der Republika Srpska die Ereignisse der jüngsten Zeitgeschichte (1992 - 1995) nicht wiedergegeben werden. Es soll lediglich einen Hinweis für die Schüler:innen geben, die eigenen Eltern hierzu zu befragen.
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Wahlabend ist ein Format des ASH Forum. An den Wahlabenden verfolgen wir die Berichterstattung zu politischen Wahlen und sehen die ersten Hochrechnungen live. Expert:innen aus der Wissenschaft oder Journalist:innen liefern Hintergrundwissen, analysieren die aktuellen Entwicklungen und beantworten unsere Fragen. Mehr dazu hier.
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Nächste Veranstaltung in dieser Reihe: US-Midterms, 4.11.2026 im Bellariakino, Wien.





