Die biblischen Gleichnisse vom barmherzigen Samariter und vom verlorenen Sohn zum Beispiel, prophetische Szenarien, in denen Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden und Gerechtigkeit und Friede sich küssen, Worte Jesu, in denen er vor dem Werfen des ersten Steins warnt oder die Barmherzigen selig spricht – sie alle sind gleichsam in mein Über-Ich diffundiert. Mein Denken und Handeln – wahrscheinlich über lange Zeit mehr unbewusst als bewusst – war (und ist bis heute) somit maßgeblich von christlichen Werten, Glaubensgewissheiten und Hoffnungen mitgeformt.
Gleichzeitig bin ich in einem durchaus politischen Haushalt aufgewachsen. Parteimitgliedschaften waren zwar kein Thema; politische Themen unterschiedlichsten Zuschnitts wurden zuhause aber am Mittagstisch, bei Familienfeiern oder bei der Fahrt in die Schule diskutiert, manchmal angeregt oder auch emotional, manchmal in vereintem Kopfschütteln über die ein oder andere politische Entscheidung und Entwicklung.
Vielleicht erklärt sich aus dieser Verbindung auch, warum mich der gegenwärtig so oft geäußerte Ruf nach einer möglichst scharfen Trennung von Religion und Politik gelegentlich ratlos zurücklässt. Nicht, weil ich etwas gegen die Trennung von Staat und Religion hätte – im Gegenteil. Der Staat sollte weltanschaulich neutral sein (was sich übrigens auch an den Wänden in den Klassenzimmern öffentlicher Schulen widerspiegeln sollte), und keine Religion darf sich das Recht herausnehmen, ihre Glaubenssätze anderen per Gesetz aufzuzwingen. Aber aus der richtigen Forderung nach einem religiös neutralen Staat folgt eben nicht, dass religiös geprägte Menschen ihre Überzeugungen an der Garderobe des politischen Gemeinwesens abzugeben hätten.
Denn was wäre dann mit mir? Sollte ich meine Vorstellungen von Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Frieden und Menschenwürde, die nun einmal auch aus einer spezifischen christlichen Sozialisation hervorgegangen sind, vor dem Betreten einer politischen Öffentlichkeit säkularisieren? Müsste ich verschweigen, dass manche meiner politischen Überzeugungen ohne biblische Geschichten vielleicht anders aussähen?
Der Gedanke, Religion müsse sich aus dem Politischen heraushalten, ist jedenfalls nicht sonderlich evangelisch. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer, um nur einen prominenten Vertreter meiner eigenen Tradition zu nennen, verstand die Unterscheidung von Staat und Kirche keineswegs als politische Abstinenz. Im Gegenteil: Die Kirche müsse den Staat danach fragen, ob sein Handeln Recht und Ordnung wahre, und dort, wo Menschen zu Opfern staatlichen Handelns würden, könne sie nicht einfach schweigen. Sie müsse „Kirche für andere“ sein.
Vor diesem Hintergrund irritiert mich auch der inflationäre Gebrauch des Containerbegriffs „Politischer Islam“. Natürlich gibt es Islamismus, natürlich gibt es religiöse Milieus, die demokratische Grundwerte, Gleichberechtigung oder individuelle Freiheitsrechte ablehnen. Das muss eine liberale Demokratie klar benennen und, wo nötig, entschieden bekämpfen. Aber dafür braucht sie präzise Begriffe. Wenn aus „Islamismus“ irgendwann „politischer Islam“ wird und aus „politischem Islam“ schließlich der Islam, wird aus notwendiger Kritik Pauschalisierung und Ausgrenzung. Auch christliche Religion ist politisch – jedenfalls insofern, als sie Vorstellungen davon hervorbringt, wie Menschen miteinander leben sollen, bei den einen mit einer reformorientierten, ja progressiven Stoßrichtung, bei den anderen mit einer konservativen. Warum sollte das bei Musliminnen und Muslimen grundsätzlich anders sein?
Die entscheidende Trennlinie verläuft deshalb meines Erachtens nicht zwischen Religion und Politik. Sie verläuft zwischen Demokratie und ihrer Verachtung, zwischen Freiheit und ihrer Einschränkung, zwischen der Anerkennung der gleichen Würde aller Menschen und ihrer Zurückweisung.
Ein gläubiger Mensch kann Demokrat:in sein. Ein atheistischer Mensch kann Demokrat:in sein. Beide können es aus unterschiedlichen Gründen sein. Und beide können, selbstverständlich, auch Demokratiefeind:innen sein.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber reden, ob Religion in der Politik etwas zu suchen hat, und genauer hinschauen, was Menschen aus ihrem Glauben politisch machen. Das gilt für den Islam. Und es gilt, nicht zuletzt, auch für das Christentum.
