Rundherum spielte sich das übliche städtische Schauspiel ab: demonstratives Wegschauen, diskrete Empörung. Eine ältere Dame schüttelte den Kopf in jener Mischung aus Müdigkeit und Kulturkritik, die man in Wien wahrscheinlich schon zur Zeit der Pferdetramway gepflegt hat. Ein Herr im Sakko seufzte hörbar. Niemand sagte etwas. Im Öffi-Verkehr wird gemeinsam gelitten und laut geschwiegen.
Natürlich ist das alles ein wenig lästig. Öffentliche Verkehrsmittel sind um diese Uhrzeit gesteckt voll, und nicht jede:r möchte auf seinen paar Quadratzentimetern Teil einer überdrehten Choreographie werden. Aber gleichzeitig steckt in solchen Szenen etwas bemerkenswert Harmloses. Jugendliche testen Räume aus – seit eh und je. Die (moderate) Rebellion der Gegenwart trägt eben Bluetooth-Lautsprecher.
Überhaupt scheint unsere Gesellschaft ein feines Gespür für Störungen entwickelt zu haben. Zu laut. Zu wild. Zu sichtbar. Irgendjemand verletzt ständig irgendeinen unausgesprochenen Kodex des öffentlichen Benehmens. Das empört zuverlässig, vielleicht weil Ordnung in Städten weniger durch Gesetze entsteht als durch gegenseitige Rücksicht und die stille Hoffnung, andere mögen sich möglichst unauffällig verhalten.
Und doch ist interessant, worauf ein großer Teil der österreichischen Gesellschaft besonders empfindlich reagiert – und worauf erstaunlich gelassen.
Denn während drei tanzende Teenies in der Straßenbahn binnen Sekunden als „Problem“ erkannt werden, begegnet man einer anderen Form der Grenzüberschreitung in Österreich oft mit beinahe folkloristischer Nachsicht: dem Alkohol am Steuer. Da wird dann nicht mehr über Rücksichtslosigkeit gesprochen, sondern über „einen Fehler“. Über „an deppaden Abend“. Über „a Achterl zʼvü“.
Zuletzt traf es bekanntlich einen FPÖ-Nationalratsabgeordneten, dem wegen alkoholisierten Fahrens bereits zum zweiten Mal (!) der Führerschein entzogen wurde. Die öffentliche Debatte darüber verlief bemerkenswert vertraut: Betroffenheit über die „große Dummheit“, Relativierung in den sozialen Medien („Aber was ist mit…“), ein wenig moralische Entrüstung – und rasch die implizite Botschaft, dass so etwas, ein „Kavaliersdelikt“, eben passieren könne.
Aber eigentlich kann es das nicht.
Denn zwischen aufdringlicher Musik in der Straßenbahn und Alkohol am Steuer – was ja ab einer Toleranzgrenze gesetzlich verboten ist – liegt nicht bloß ein Unterschied im Stil, sondern ein fundamentaler Unterschied in der Gefahr. Das eine nervt. Das andere gefährdet Menschenleben. Das eine produziert Augenrollen, das andere produziert jedes Jahr Tote und Verletzte.
Vielleicht verwechselt die Öffentlichkeit manchmal Störung mit Risiko. Die Jugendlichen mit ihrer Bluetooth-Box machen die morgendliche Bimfahrt anstrengend, brechen mit Konventionen und ecken an. Der erwachsene Autofahrer, vielleicht im Anzug, im Abendkleid, im Dirndl oder im Trachtenjanker, wirkt dagegen oft so „normal“ und vertraut – aus der „Mitte der Gesellschaft“, auch mit zu viel Promille. Gerade deshalb wird hier oft gar kein Risiko erkannt, obwohl dieses von den Betrunkenen entschieden in Kauf genommen wird.
Die Tänzer aus der Linie 41 stiegen übrigens nach ein paar Stationen wieder aus. Die Musik verstummte, die Fahrgäste blickten zurück auf ihre Handys, und die Stadt fuhr weiter wie zuvor.
Niemand kam zu Schaden.

