Aufgrund beruflicher und familiärer Verpflichtungen sämtlicher Bandmitglieder liegen die Gigs derzeit nicht mehr ganz so dicht aneinander wie in früheren Zeiten; die Proben finden nicht mehr im Zweiwochenrhythmus statt, sondern verdichten sich zu stundenlangen und durchaus auch kräftezehrenden Blockveranstaltungen kurz vor dem Auftritt. Die Stimme gehört wieder gestärkt, der Ansatz fürs Trompetenspiel trainiert. Bei der ersten Probe hatte ich nach drei Stunden das Gefühl, ich presse das Mundstück eher gegen die Zähne als gegen die Lippen. Mit Muskelkater in den Wangen geht es heim. Beim Auftritt hat es wieder gepasst; die Anstrengung hat sich gelohnt.
Neben der Trompete und dem Mikrophon greife ich bei wirklich sehr vereinzelten Nummern auch zur Geige. Sie war – zugegebenermaßen – noch nie mein Lieblingsinstrument, lag und liegt mir nicht so wie das Blasinstrument, was sich – obwohl ich früh mit dem Geigenspiel begann – durchaus auf mein Können niedergeschlagen hat. Wohlwissend, dass nie ein Paganini aus mir wird, war und bin ich freilich auch beim Üben recht nachlässig. Das schlägt sich sowohl auf Fingerfertigkeit als auch auf Tonqualität nieder. Bei den wenigen Nummern, die ich mit der Geige eher im Modus Soundteppich begleite, wäre das an sich kein großes Problem – wäre da nicht der eine Song, der zwei kurzer Soloeinlagen bedarf. Eine Klezmer-Nummer, okay, da darf es auch mal ein bisschen schief klingen. Aber so ganz ohne Übung und mit nicht allzu viel Talent – eine Herausforderung. Normalerweise war ich heilfroh, wenn die Parts einfach durchgestanden waren.
Ohne das irgendwie strategisch durchzudenken, hat es sich bei den letzten Gigs in der Band jedoch mehr und mehr etabliert, dem Einsatz der Geige und den Soli eine eigene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Mit theatralischem Griff zum Geigenkoffer, mit Extra-Ankündigung per Mikrophon, mit kurzem Trommelwirbel. Groß inszeniert also, freilich mit Augenzwinkern, aber dennoch ein Bluff, der das anschließende Unvermögen kaschiert und irgendwie auch wieder gelungen oder zumindest stimmig erscheinen lässt. Ein virtuoses Vortäuschen, das letzten Endes aber harmlos bleibt.
Weniger harmlos sind demgegenüber die in ihrer Methode und Zielsetzung eigentlich ähnlichen Inszenierungen populistischer Politiker:innen (wobei das „:innen“ hier tatsächlich eher die Ausnahme als die Regel bezeichnet). Gewinne das Publikum, heize der Crowd ein, indem du überzeichnest, das große Solo der Wahrheit ankündigst, rhetorische Trommelwirbel rollen lässt, Spannungsbögen aufbaust, um zum Fortissimo der Empörung anzusetzen. Die dünne Partitur wird mit umso größerer Geste überspielt – und erntet dennoch Zustimmung und Applaus. Vom starken Mann im Westen bis zu heimeigenen Polterern und Reimkünstlern – mir fielen zahlreiche Beispiele ein.
Das einzige, das hier jedoch fehlt (und damit letzten Endes den frappanten Unterschied zur Geigenanalogie ausmacht): Das Augenzwinkern. Die Selbstironie. Das gemeinsam mit anderen über sich selbst Lachen-Können – in den Inszenierungen der Populist:innen kommt es nicht vor. Der entscheidende Unterschied zwischen Möchtegern-André-Rieu und Populist liegt somit im Verhältnis zur eigenen Wirkung. Wer weiß, dass er:sie übertreibt, lässt Raum für Korrektur. Nicht jedoch, wer sich selbst – im Machtrausch, im Narzissmus, im Verfolgungswahn – als unverrückbare Wahrheit darstellt.

