Seit Tagen oder Wochen oder bereits Monaten werden verstärkt Nachrichtenbeiträge über das Mercosur-Abkommen im österreichischen Rundfunk eingespielt. Allerdings ging es in meiner Wahrnehmung kein einziges Mal um die Auswirkungen, die mit dem Freihandelsabkommen Mercosur in Südamerika zu erwarten sind. Kein:e Auslandskorrespondent:in wurde aus Buenos Aires oder Brasilia geschweige denn aus Montevideo zu den positiven und negativen Auswirkungen des Abkommens für Wirtschaft, Bevölkerung und Umwelt zugeschaltet.
Dominant ist die Berichterstattung zur europäischen Bauernschaft. Das Bild dazu: Traktoren vor dem Pariser Parlament. Die europäischen Bauern fürchten um ihre Konkurrenzfähigkeit, sobald die Agrarindustrie der Mercosurstaaten Rindfleisch und Soja zollfrei einführen dürfen. Zusätzliche Förderungen und Stützungen werden von der EU in Aussicht gestellt – beruhigen aber anscheinend nicht wirklich. Seit die italienischen Bauern allerdings einen Vorteil im zollfreien Export von Wein in die südamerikanischen Länder erkannt haben – was erstaunlich spät der Fall war -, stimmte Italien schließlich für eine Ratifizierung. Ist die Bauernschaft also doch nicht immer einer Meinung? Zählen nur persönliche Vorteile und geben klare Entscheidungen vor?
Sind Bauern und Bäuerinnen im 21. Jahrhundert als homogene Gruppe zu sehen? Das geht sich weder in Europa noch in Südamerika aus. Die Bezeichnung sollte wohl eher Agrarindustrie und Kleinbäuerinnen sein. Erstere bedienen den Anbau von Cashcrops und im konkreten Fall konventionellen Rindersteaks für den Export. Kleinbäuer:innen hingegen betreiben teilweise Subsistenzlandwirtschaft – Garantie für Unabhängigkeit und Lebensgrundlage –, beliefern lokal(ere) Märkte, wissen um den ökologischen Kreislauf – wenn auch nicht immer und überall Entscheidungen biologisch gefällt werden.
Während in den Rundfunknachrichten der Eindruck entsteht, dass Mercosur für Südamerika ausschließlich positiv zu bewerten ist, dürfte de facto der Druck auf Kleinbäuer:innen in Südamerika immens zunehmen. Wachsen die Gewinnmargen auf landwirtschaftliche Exportprodukte, so erhöht sich der Druck auf kleine Landwirtschaften Flächen an Großbetriebe zu verkaufen. Studien sehen auch einen Zusammenhang zwischen Handelsabkommen und dem Abholzen von Regenwaldflächen für den Anbau von landwirtschaftlichen Exportgütern. Der Regenwald ist Lebensraum und Lebensgrundlage von Indigenen und seit vielen Jahrzehnten stark unter Druck. Und – bleiben wir bei persönlichen Vorteilen – durchaus von weltweiter Bedeutung für das Klima.
Messen wir in Europa mit zweierlei Maßstäben – ganz gemäß dem MEGA - Prinzip (Make Europe Great Again). Überwiegen die Vorteile von Mercosur für Europa und können wir allfällige negative Auswirkungen auf Einzelne durch finanzielle Zuschüsse ausgleichen, so sind uns negative Auswirkungen auf Umwelt und Bevölkerung in Südamerika egal?
Ich sage es mal frei nach Lea Ypi bei ihrer Rede an Europa im Mai 2025: „Make Nothing Great Again“. Es ist keine Basis für Frieden. Und Frieden ist Tatjana*, eine geflüchtete Ukrainerin, und mein größter Wunsch für dieses Jahr und die weiteren Jahre.
Und was den öffentlichen Rundfunk betrifft: ich freue mich auf Nachrichten aus dem Ausland, die nicht aktuelle Krisen und Kriege, in denen Trump mitmischen möchte, in den Fokus stellen. Ich freue mich auf Informationen, die uns erkennen lassen, dass im gemeinsamen Interesse von uns (normalen) Menschen weltweit eine gesunde Umwelt und die Wahrung von Menschenrechten die Basis ist und nicht die Profite von Konzernen und (Agrar)Industrie.
*Name geändert.

