Der Sinn des ersten Titel-Teils unserer neuen online-Kolumne ist eigentlich schnell erklärt. Schon länger hat uns im ASH Forum die Frage beschäftigt, wie wir als Teammitglieder punktuell als Meinungsträger:innen in Erscheinung treten können: zum einen als die politisch denkenden, religiös oder nicht religiös fühlenden, institutionenkritischen oder ‑fördernden, an Gott, das Gute oder die Gerechtigkeit glaubenden und sich mit ihrer Mitwelt kritisch-konstruktiv auseinandersetzenden Menschen; zum anderen, ohne dass wir dabei den Forumscharakter unserer eigenen Bildungsarbeit unterminieren. Die ‚Kolumne‘ erschien uns nach längerem Erwägen als geeignetste literarische Gattung, um zu zeigen, wer hinter dem ASH Forum eigentlich steht und welche Gedanken, welche thoughts, uns in unseren Leben aktuell beschäftigen – freilich in der Hoffnung, damit auch den ein oder anderen Diskussionsprozess anzustoßen.
Warum nun aber thoughts … and prayers? Dazu, ohne dabei freilich fürs ganze Team sprechen zu können, ein paar persönliche Gedanken:
Zunächst verstehe ich die Betitelung unserer Kolumne mit dem aus zahlreichen online-Foren bekannten und zumeist in Reaktion auf Tragödien oder Notlagen geposteten Betroffenheitskürzel als Kritik an dessen inflationärer Verwendung. Gerade von politischer Seite wird sich seiner gerne bedient, oft jedoch mit dem Manko, dass dieser Betroffenheitsmodus nur äußerst selten auch in konkrete politische Maßnahmen zur Verhinderung solcher dramatischen Situationen führt. Die oft inhaltsleere und folgenlose Verwendung von „Thoughts and prayers“ durch wirkungsvolle Gedankenanstöße zu konterkarieren, sehe ich als eine zentrale politische und zivilgesellschaftliche Aufgabe unserer von kurzen Aufmerksamkeitsökonomien gekennzeichneten Zeit.
Sodann möchte ich den zweiten Teil des Titels, die prayers, nicht bloß als ironische Brechung oder kritische Distanzierung begreifen. Es erscheint mir verkürzt, das Gebet selbst vorschnell als passiv, weltfremd oder handlungshemmend abzutun. Im Gegenteil: Richtig verstanden markieren prayers zunächst einen Moment der Unterbrechung – eine bewusste Verlangsamung inmitten einer von schnellen Urteilen, reflexhaften Meinungsäußerungen und permanenter, jedoch zunehmend wirkungsloser Empörung geprägten Öffentlichkeit. Prayers eröffnen einen Raum, in dem nicht sofort reagiert, sondern zunächst gefragt wird: Was steht hier eigentlich auf dem Spiel? Was bewegt mich wirklich? Wofür will ich Verantwortung übernehmen? In diesem Sinne verstehe ich prayers weniger als fromme Flucht aus der Welt denn als eine Praxis der Selbstreflexion und der (Neu-)Ausrichtung. Ob religiös gedeutet oder säkular übersetzt: Gebete artikulieren Hoffnungen, benennen Verletzlichkeiten und verweisen auf Maßstäbe, die nicht vollständig in unserer Verfügung liegen. Prayers könnten somit für jene individuell oder in Gemeinschaft erschlossenen Räume stehen, in denen Haltung gebildet wird – nicht als moralische Überlegenheit, sondern als reflektierte und begründete Positionierung.
Gleichzeitig wohnt prayers, davon bin ich überzeugt, eine zutiefst kritische Kraft inne. Denn wer ernsthaft um Gerechtigkeit bittet, kann sich den realen Ungerechtigkeiten dieser Welt nicht dauerhaft entziehen. Wer Frieden beschwört, muss sich fragen lassen, wo mensch selbst von Gewaltverhältnissen profitiert oder sie stillschweigend hinnimmt. Wer Hoffnung formuliert, setzt sich dem Anspruch aus, dass diese Hoffnung auch das eigene Handeln bestimmt. In diesem Sinne sind prayers eine Zumutung – an politische Entscheidungsträger:innen ebenso wie an zivilgesellschaftliche Akteur:innen.
Thoughts benennen also, analysieren und kritisieren. Prayers hingegen erinnern daran, dass Kritik ohne Maßstab leer bleibt – und Maßstäbe ohne ihre Realisierung folgenlos. Mein (vielleicht frommer) Neujahrswunsch 2026 ist, dass die Welt mehr zu einem Ort wird, an dem beides zusammenkommt: reflektiertes Denken und verantwortete Hoffnung, analytische Schärfe und die Bereitschaft, sich selbst in die Pflicht nehmen zu lassen. Wenn unsere thoughts also etwas bewirken können, dann vielleicht genau deshalb, weil sie sich an prayers messen lassen müssen – und umgekehrt. In diesem Sinne: Let us think, let us pray! Auf ein gutes neues Jahr!

